Bartoszewski-Ausstellung

Bartoszewski-Ausstellung
Bartoszewski-Ausstellung

Ausstellung: „Bartoszewski 1922-2015. Widerstand – Erinnerung – Versöhnung“

von Marcin Barcz1

Die folgende Ausstellung widmet sich dem Lebenswerk von Władysław Bartoszewski. Erstmals wurde sie im September 2015 im Warschauer Sitz der polnischen Regierung der Öffentlichkeit präsentiert, wo Bartoszewski bis zum Ende seines 93-jährigen Lebens beruflich tätig war. Die Ausstellungsmacher wollten die Biografie des im April 2015 verstorbenen ehemaligen polnischen Außenministers, Diplomaten und Historikers nicht in der traditionellen Form eines chronologischen Lebenslaufs darstellen, sondern in erster Linie auf jene Bereiche aufmerksam machen, die für ihn selbst am wichtigsten waren und den besten Einblick in seine facettenreiche Persönlichkeit geben. Weil Władysław Bartoszewski jahrzehntelang aktiv an wichtigen historischen Prozessen beteiligt war, ist diese Ausstellung zugleich eine Erzählung über die neueste polnische und mitteleuropäische Geschichte. In Bartoszewskis Biografie spiegeln sich die Schattenseiten und Hoffnungsschimmer der miteinander verwobenen deutsch-polnisch-jüdischen Geschicke im 20. Jahrhundert. Zugleich vermittelt die Ausstellung eine universelle und allgemeinverständliche Botschaft. Sie erzählt vom Widerstand des frei denkenden Menschen gegen jede Form von Unterdrückung und Gleichgültigkeit ihr gegenüber. Sie erinnert an die Opfer von Verfolgung und verweist auf die Bereitschaft zum Dialog überall dort, wo Verständigung und Versöhnung trotz vergangenen Leids möglich sind.

Aufbau der Ausstellung

Dementsprechend ist die Ausstellung in drei zusammenhängende Bereiche unterteilt: Widerstand (in polnischer Fassung wörtlich: „Gegen den Strom“), Erinnerung und Versöhnung.

Widerstand

Der Ausstellungsteil „Widerstand“ erzählt von Bartoszewskis Untergrundaktivitäten während des Zweiten Weltkriegs im besetzten Warschau. Wir lernen dort den jungen Soldaten der Heimatarmee kennen, den Mitbegründer des Hilfsrats für verfolgte Juden („Żegota“), den Redakteur konspirativer Schriften und Teilnehmer am Warschauer Aufstand 1944. Das Kriegsende ist der Anfang eines weiteren Verfolgungskapitels in Bartoszewskis Biografie – diesmal als persona non grata der kommunistischen Machthaber. Wir begleiten ihn während der insgesamt mehr als sechsjährigen Haft, die er teilweise in gemeinsamen Gefängniszellen mit deutschen Kriegsverbrechern verbringen musste und sehen seinen erneuten Verlust der Freiheit während des sogenannten Kriegsrechts 1981 im Internierungslager Jaworze. Auch seine oppositionelle Tätigkeit bleibt nicht unerwähnt, darunter die geheime Zusammenarbeit mit der Polnischen Abteilung des Senders Radio Free Europe, für den Bartoszewski regelmäßige Berichte verfasste. Der Bereich „Widerstand“ zeigt einen ungebrochenen Menschen, der unter keinen Umständen bereit war, seine Prinzipien aufzugeben, und der erst im hohen Alter die ersehnte und erkämpfte Freiheit erreichen konnte.

Erinnerung

Bartoszewski-Ausstellung – Erinnerung
Bartoszewski-Ausstellung – Erinnerung

„Erinnerung“ heißt der Teil der Ausstellung, der die für ihn selbst wohl bedeutendste Lebensaufgabe zeigt: die Stimmen der verstummten Gewaltopfer zu bewahren. Die Gräueltaten sollten nicht in Vergessenheit geraten. Die lebenslange Dokumentationsarbeit begann mit der Entlassung des nicht einmal 20-jährigen Bartoszewski aus dem Konzentrationslager Auschwitz im Frühling 1941 (in das er nach einer Massenrazzia im Herbst 1940 eingeliefert wurde und das er vermutlich aufgrund der Intervention des Roten Kreuzes schwerkrank verlassen konnte). Das Überleben der Auschwitz-Hölle betrachtet Bartoszewski als lebenslange Verpflichtung, Zeugnis abzulegen. Mit Hilfe seiner im Untergrund tätigen Freundin Hanka Czaki (die kurz darauf von der Gestapo ermordet wurde) verfasste er den ersten illegal publizierten Auschwitz-Bericht. Auch nach dem Krieg setzte er seine Dokumentationsarbeit fort: trotz der Zensur veröffentlichte er Artikel über den von Kommunisten gern verschwiegenen Warschauer Aufstand in „Gazeta Ludowa“, „Stolica“ und „Tygodnik Powszechny“. Er stellte Listen der Terroropfer der Deutschen in Warschau zusammen, begleitete als Journalist die Exhumierungen der Massengräber (u.a. in den Wäldern um das Dorf Palmiry), hielt Vorlesungen und dokumentierte das Schicksal der Juden sowie der Hilfe leistenden Polen. Daraus entstanden zahlreiche Bücher, deren Erstauflagen in der Ausstellung gezeigt werden. Bis zum Lebensende engagierte sich Bartoszewski aktiv im Internationalen Auschwitzrat und in der wenige Jahre vor seinem Tod von ihm mitbegründeten Auschwitz-Birkenau Stiftung, die sich um die Erhaltung und Restaurierung der Gedenkstätte kümmert. Sein Motto blieb über die Jahrzehnte unverändert: die vollständige Aufarbeitung der tragischen Geschichte ist die Voraussetzung für die künftige Versöhnung.

Versöhnung

Hier beginnt der dritte Ausstellungsbereich verbunden mit der dritten Lebensaufgabe Władysław Bartoszewskis, der vielen Zeitgenossen als versöhnende Persönlichkeit in Erinnerung bleiben wird. „Versöhnung“ erzählt zunächst von Bartoszewskis Kontakten mit jüdischen Überlebenden nach dem Krieg und von seinem entschiedenen Engagement gegen jede Form von Antisemitismus im Nachkriegspolen. Zu erwähnen sei seine Rolle bei der „Liga zum Kampf gegen den Rassismus.“ Hier kommen auch die ersten Würdigungen zur Sprache: die Medaille der Gerechten unter den Völkern für seinen Dienst im Hilferat für Juden, die ersten Besuche in Israel. Erst in den frühen sechziger Jahren, als Bartoszewski für die weitgehend von der kommunistischen Zensur verschonte Krakauer Wochenzeitschrift „Tygodnik Powszechny“ arbeitete, kamen erste Kontakte zunächst vor allem mit kirchlichen Kreisen in Deutschland zustande – Begegnungen mit Vertretern von Aktion Sühnezeichen oder Pax Christi, die bald zur Basis seiner Deutschlandreisen und seines immer weiterreichenden Netzwerks wurden. Die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Oktober 1986 wurde für Bartoszewski, nun bereits anerkannter Schriftsteller und in Deutschland tätiger Gastprofessor, zum Meilenstein, allerdings legte er Wert darauf, dass auf dem Weg in eine gemeinsame Zukunft stets an das unlängst geschehene Unrecht erinnert werden müsse. Dieser Ausstellungsteil zeigt auch Bartoszewski in seiner heute wohl bekanntesten Rolle – als Diplomaten, polnischen Botschafter in Österreich, zweifachen Außenminister und schließlich (in den letzten acht Lebensjahren) als Beauftragten des polnischen Premierministers für internationalen Dialog, womit hauptsächlich seine Beraterrolle bei Kontakten mit Gesprächspartnern in Deutschland und Israel beschrieben wird.

Zitate

Die drei erwähnten Ausstellungsbereiche werden jeweils mit einer Säule mit lebensgroßen Aufnahmen von Władysław Bartoszewski eingeleitet. Diese Bilder zeigen die Charakterfestigkeit Bartoszewskis auch unter schwierigsten Umständen.

Bartoszewski war auch bekannt für seinen Optimismus, seinen Sinn für Humor und seine genauso humorvollen wie von Lebenserfahrung zeugenden Sprüche. Dies bestätigen seine näheren Freunde in Einstimmigkeit. Deswegen wird die Ausstellung von dies illustrierenden Zitaten begleitet, etwa: „Ich bleibe Optimist trotz Allem“. Oder: „Ich liebe meine Landsleute, obwohl sie mich oft in den Wahnsinn treiben“. Nicht zu vergessen Bartoszewskis Leitmotiv und Lebensmaxime: „Es lohnt sich anständig zu sein“.

Wir laden Sie ein, den Spuren Władysław Bartoszewskis zu folgen. Jemand, der sein Leben lang für die Erinnerung an andere, gegen Ungerechtigkeit oder Gleichgültigkeit und für ein friedliches Miteinander kämpfte, darf nun selbst nicht in Vergessenheit geraten. Auch deshalb, weil sein Leben viele immer noch aktuelle Hinweise und nicht weniger Warnungen für uns bereithält.

Buchtipp

In Deutschland erschienen, begleitet von einem umfangreichen Lebenslauf und einer Literaturliste:

  • Bettina Schaefer (Hg.), Für Freiheit kämpfen – selbstbestimmt leben. Erinnerungen an Władysław Bartoszewski, Jetztzeit Verlag, Hamburg 2017.

Stationen der Ausstellung